Der letzte Tag war angebrochen. Wir haben bis zu diesem Tag keinen einzigen Spielzeugladen gesehen. Wirklich. Wir waren in Kaufhäusern und sind in den letzten 9 Tagen 140.000 Schritte durch Japan gestiefelt und nicht an einem Spielzeugladen vorbeigekommen. Ricardo wollte unbedingt einen japanischen Spielzeugladen sehen. Er hatte noch sein gesamtes Taschengeld. Also drei Hauptaufgaben für heute. Erstens pünktlich zu unserem Nagomi Visit erscheinen, zweitens einen Spielzeugladen finden und drittens noch etwas von Tokio sehen. Erstes Ziel: Asakusa mit seinem Sinjö-ji Tempel. Ein letztes Mal in den Trubel eintauchen. Die Farbenpracht der Kimonos aufsaugen.





Die Kirschblüte ist am Abebben. Einzelne Bäume sind schon komplett verblüht.


Ich schaue immer wieder auf die Uhr. Wir müssen noch einchecken. 24 h vor dem Abflug. Sonst sind die Fensterplätze weg und wir sitzen wieder in der Mitte. Vor dem Tempel die schon bekannten Prophezeiungs-Losbuden. 100 Yen gespendet und einmal kräftig gewürfelt. Das Zeichen auf dem Stab identifiziert die Schublade, in der unsere Prophezeiungen sind. Schlechte Prophezeiungen knotet man ans Gitter daneben und bittet um mehr Glück für den nächsten Losvorgang. In Tokio ist auch eine englische Übersetzung auf der Rückseite. Wie oft man das Procedere wiederholen darf beziehungsweise kann wissen wir nicht. Wir knoten unsere am Gitter fest und ziehen weiter. Im Tempel ist ein dichtes Gedränge, viele bitten um ihre sehnlichsten Wünsche. Es klingelt in einem fort, wenn die Münzen durch den fünf mal zwei Meter großen Geldschlitz purzeln. An beiden Seiten im Tempel gibt es wieder Verkaufsstände für Glücksamulette, so wie wir sie in Kyoto und Nagoya gesehen haben. Wir erstehen ein Zertifikat für Familienglück. Hier ist kein Gedränge. Kiyomizuma-dera in Kyoto wirkt besser auf die Kauflaune. Punkt 11:15 Uhr sitzen wir in einem Café, schlürfen einen Cappucino und checken ein. Wir beschließen, in Shinjuku nach Spielzeug zu suchen. Noch schnell einen Blick auf den Tokio Skytree, den größten frei stehenden Fernsehturm und zweithöchste Gebäuder der Welt.

Shinjuku beeindruckt durch siene Wolkenkratzer.





Hier werden wir auch für Ricardo fündig, durchstreifen zwei Kaufhäuser, die wieder genau auf die Bahnstation gebaut wurden. Das wäre praktisch Berlin Hauptbahnhof mit dem doppelten KaDeWe oben drauf. Die erste Spielzeugabteilung ist sehr dürftig. Wir ziehen weiter. Ist das wirklich wahr? Keine großen Spielzeugabteilungen in Japan? Ein Kaufhaus noch. Ein Riesen-Elektronik- Kaufhaus mit Sport, Spielkonsolen und ein klein wenig Spielzeug. In der fünften Etage werden wir fündig. Ricardo verliebt sich in das japanische Lego Äquivalent: Nanoblock. Auf geht’s nach Chuorinkan. Wir werden herzlich von Tamiko empfangen. Mit ihrem kleine Sieben-Sitzer fahren wir einkaufen. Einmal durch einen großen japanischen Supermarkt. Hier gibt es auch Obst und Gemüse, das wir so schmerzlich vermissen. Das Süße fotographieren wir für Julia.


Wir kaufen gleich 2 Packungen Erdbeeren. Auch eine Flasche Sake der Marke vom Sushi Event bekommen wir. Die Kinder verstehen sich sofort, obwohl oder gerade weil sie sich nicht verstehen. Toki, 9 Jahre alt und kleiner als Ricardo, fotografiert unsere Buben ständig. Ricardo und Raffi wissen zunächst nicht so richtig damit umzugehen. Tayo, 7 Jahre alt, umrundet die drei wie ein Mond. Fast alle Kassen sind Self-Check-Out. Auch hier muss man für Tüten zahlen. Tamiko zeigt uns die Grundschule Ihrer beiden Jüngsten. Tausend Kinder gehen in diese Grundschule. Was für ein Unterschied zu Kappel mit seinen geschätzten einhundert Schülern. Wir kommen zum Parkplatz der Familie. Ein Auto-Stapel-Puzzle. Ein Geschoß unterirdisch und drei oberirdisch, zwei Plätze bleiben immer leer.



Jeder, der schon einmal das 4×4-Puzzle mit fünfzehn Steinen gelöst hat weiß wie es geht. Man verschiebt die Steine so lange bis sie in der richtigen Reihenfolge sind. Damit es schneller geht sind zwei Plätze leer gelassen. Und schon herausgefunden, wie man das Auto von ganz oben rechts aus dem Stapel bekommt?
Die Wohnung unserer fünfköpfigen Gastfamilie erscheint uns sehr klein. Ein langer Schlauch mit Räumen ohne Fenster rechts und links. Am Ende das Wohnzimmer mit Balkon.

85 qm für fünf Personen ohne Keller. Eine Fünfraum Wohnung in der ein Raum als Abstellraum genutzt wird. Die beiden jüngeren Kinder schlafen bei den Eltern. Eine größere Wohnung ist 30 km vom Zentrum Tokios nicht erschwinglich. Näher am Zentrum könnte sich das Paar nur noch eine wesentlich kleiner Wohnung leisten. In tokio würde die Familie auch nur noch maximal ein Kind haben. So nimmt Yoshi jeden Tag eine Stunde Pendeln in jede Richtung in Kauf. Sara, die älteste Tochter ist noch in Tokio beim Shamisen-Üben (eine 3-saitige japanische Gitarre). Die Kinder spielen mit dem japanischen Brio-Äquivalent. Birgit spielt ein Stück auf dem Klavier. Tamiko kocht Essen. Ich darf die Fotoalben der Kinder ansehen. Später helfen wir alle beim Essenzubereiten. Raffi stellt sich sehr geschickt an und erntet viel Lob. Als ob er schon oft gekocht hat. Die Pfanne steht auf dem Tisch und wir sitzen drum herum. Die Speisekarte ist zwei Seiten lang, extra für uns angefertigt mit vielen Danksagungen für unser Kommen. Tamiko betreibt viel Aufwand um uns die beste Gastgeberin zu sein. Sie ist ständig in Bewegung und kommt nicht zur Ruhe. Tayo addiert regelmäßig zum Stress. Die Kinder essen am Wohnzimmertisch, die Großen am Esstisch. Stokke’s Trip-Trap Stühle gibt es auch in Japan.



Yoshi, Tamiko’s Mann, schaffte es nicht zum Essen. Er arbeitet bei der Tokioter Feuerwehr. Tamiko sagt, es gibt nicht viele Einsätze. Aber wenn, dann handelt es sich eher um Brandstiftung. Die Zeit verfliegt wie im Fluge. Schnell wird es 21:00 Uhr und wir müssen gehen. Schnell noch ein Gruppenfoto, und wir hasten zum Bahnhof. Wir bekommen noch eine große Tüte Süßigkeiten. Auf der Fahrt zum Bahnhof erfahren wir, dass Yoshi und Tamiko in den Flitterwochen auch auf den Malediven waren. In der kurzen Zeit haben wir viele Gemeinsamkeiten gefunden. Tamiko möchte auch wieder reisen. Bis das wieder geht holt sie sich die Welt in Form von Gästen in ihr Heim. Wir waren die zehnte Familie. Vor uns waren Gäste aus der Schweiz, aus Australien, Thailand und den USA hier. Unsere Erdbeeren bleiben bei Tamiko. Das Schicksal hat die Erdbeeren denen überlassen, die sie am ehesten verdienen: Tamiko und Yoshi. Tayo hatte seiner Mutter fast alle weggegessen. Wir hoffen, dass Tamiko nach dem Aufräumen noch etwas Zeit für Erdbeeren und Entspannung findet. Wie das unserem Heim ähnelt… Gegen 23:00 Uhr sind wir wieder im Hotel. 36 km Luftlinie in etwas weniger als zwei Stunden. Das überrascht dann schon. Wir haben keine langen Wartezeiten gehabt und trotzdem fast zwei Stunden gebraucht. Nicht zu vergessen die drei Lustigen Weiber gegenüber.

Es wird Zeit zum Schlafengehen, denn morgen früh heißt es Abschied nehmen.

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