Vor sieben Tagen erst sind wir aufgebrochen. Heute finden wir uns schon sehr gut zurecht. Die Jungs kaufen mittlerweile allein ihre Tickets am Automaten und wir verlassen den Untergrund durch den richtigen Schacht. Beim Auftauchen aus der Shiakusho Station sahen wir auf einen voll in Blüte stehenden Kirschbaum unter blauem Himmel. Einfach schön, das strahlende Weiß mit dem Blau dahinter. Die ersten Blüten vergehen und segeln dem Boden entgegen. Sie üben eine Faszination auf Millionen von Japanern aus, die die Blüten jedes Jahr wieder fotografieren. Ob sie jemals ihr perfektes Bild schießen werden? Man kann die Kamera immer wieder auf Blüten und Bäume ausrichten doch nie scheint es perfekt. Kein Bild kann einfangen, was das Auge sieht. Der Anblick der weißen Blüten vor dem Blau, wenn man aus dem Dunkel steigt werde ich nie wieder vergessen.
In 2005 war ich schon einmal in Nagoya Castle. Damals habe ich nur das Schloß selbst besucht.





Seit diesem Jahr kann man auch den Hommaru Palast von Nagoya Castle besichtigen. Der Palast wurde 1945 zerstört und seit 2009 wieder aufgebaut. Er diente als Regierungssitz der Owari Provinz.




Interessanterweise ist Nagoya nicht auf der Liste der „muscht häfle“ (schwäbisch für must have) der meisten Touristen. Somit waren wir heute Vormittag fast die einzigen Langnasen in Nagoya Castle. Vor dem Palast waren Losbuden aufgebaut. Man durfte sich eine halbe Stunde anstellen um dann für umgerechnet 4 Euro einen Ball aus einem Kaugummispender zu ziehen. In dem Ball war entweder ein Stück Papier für eine DVD, irgendwelcher Schnickschnack, oder Schischi, oder Krimskrams. Ricardo hat es ausprobiert und einen tollen Smartphone Ring erstanden. Jetzt kann er das Smartphone, dass er noch nicht hat, um den Finger wickeln. Während der Warterei bin ich durch den Park gestreift, habe den Garten bewundert und mich mit einem älteren Paar unterhalten, das nach dem besten Kirschbaumfoto gesucht hat.


Für Tobias haben wir in einem Fachgeschäft für Japanische Messer nach einem Messer gesucht. Wir waren von der Vielfalt schlichtweg überfordert. Natürlich gab es das Messer vom vorgegebenen Bild aber eigentlich würde der Verkäufer Köchen ja Messer mit unsymmetrischen doppelten Klingen verkaufen, dann gibt es da noch Unterschiede bei der Legierung des Schneidstahls, ich sage da nur AlCuMoTaTiV (Stahlbaukunde 2. Lehrjahr), Unterschiede bei den Griffen und der Anzahl der Damaststahllagen. Nicht zu vergessen Messer für Linkshänder und Rechtshänder. Ganz zu schweigen von den ganz ausgefallenen Messern, seit 1920 handgeschmiedet aus blauem Stahl mit hohem Kohlenstoffgehalt im vergleich sehr leicht in der Hand liegend. Ob wir nun was gekauft haben bleibt ein Geheimnis. Es ist aber mittlerweile allgemein bekannt, dass die Wahrscheinlichkeit einer Entscheidung bei mir mit dem Kehrwert der Optionen im Quadrat abnimmt.
So stand dann am Nachmittag unsere vorläufig letzte Fahrt mit dem Shinkansen an.

Wir wollten nach Odawara einem der Tore zum Hakone National Park, ein Zufluchtsort der Japaner an Wochenenden um sich zu erholen. Platzkarten waren wie die letzten Male kein Problem. Schnell ein Mittagessen ausgefasst, die Buben bestanden auf McDonalds. Ein Verbrechen in Japan wenn ihr mich fragt. Birgit und ich, wir haben uns wieder für eine Bento Box entschieden, dieses mal mit Unagi, um zumindest im Geiste noch einmal den wunderschönen ersten Abend in Nagoya aufleben zu lassen. Und dann das Unfassbare: das gesamte Shinkansen System in Richtung Tokyo außer Tritt. Viele Züge bis zu einer Stunde Verspätung. Wir sind trotzdem auf den Bahnsteig gegangen. Unser Zug war zunächst mit 10 Minuten Verspätung angezeigt. Wie gewohnt wurde alle sieben Minuten ein Zug abgefertigt. Unserer verließ den Bahnhof mit 15 Minuten Verspätung. Im Zug konnten wir dann auch endlich unser Mittagessen genießen. Die Familie gegenüber saß sich gegenüber, bis jetzt saßen alle Menschen im Shinkansen in Fahrtrichtung. Als ich nach meinem Nickerchen wieder aufwachte saßen alle wieder in Fahrtrichtung. Wie das? Genau, im Schinkansen kann man die Sitze drehen. Muss ja auch so sein, denn wenn die Züge immer nur hin und her fahren, damit auch immer die Wagenreihung stimmt, und immer die Türen an der selben Stelle sind, dann muss man die Sitze drehen können. Wie sonst sollen alle immer in Fahrtrichtung sitzen. Und das seit den Sechzigern. Bevor ich es vergesse, der Zug hat Odawara Station fahrplanmäßig verlassen. Die 15 Minuten waren wieder aufgeholt. Wie die Japaner das gemacht haben, weiß ich nicht, denn bei jedem zweiten Halt hat uns ja auch noch ein Naomi Shinkansen überholt. Das tut dann immer so einen Schlag. „Bumm“ und „Zuff“ und der Zug ist vorbei. Irgendwann sind wir dann in unserem Hotel im Hakone National Park angekommen. Ich sage nur: Zum Glück haben wir das erstemal ein Taxi genommen. Die Koffer hätte ich nicht den Berg hoch ziehen wollen. Taxi Highlight sind die Türen, die durch den Fahrer von seinem Sitz aus automatisch geöffnet und geschlossen werden. Wie von Geisterhand.
Das letzte Highlight des Tages war dann der Besuch eines Onsen.

Eine Heiße Quelle in der man sich marinieren lässt. In Japan eines der Entspannungsrituale. Das Ganze gibt es in drei Versionen: für Männer, für Frauen, für Familien. Für Familien war ausgebucht, also sind wir getrennt gegangen. Das Auskundschaften hat dann doch 15 Minuten gebraucht. Nackt oder mit Badehose? Im Bademantel oder in Kleidung? Mit Handtuch und Seife oder ohne? Am Ende ganz einfach. Im Bademantel ohne viel drunter hin gehen. Zwei Handtücher, ein kleines und ein großes. Schön sauber waschen im Waschsaal auf Eimer mit Loch sitzend. Dann kleines Handtuch mitnehmen zum Kopf bedecken, wegen auskühlen und abreiben. Dann in heiße Quelle steigen und entspannen, wenn zu heiß dann abkühlen, zwischendurch Sauna wenn beliebt und wenn zu heiß dann wieder abkühlen. Wenn völlig entspannt oder Nase voll, dann abreiben mit kleinem Handtuch, raus gehen, abtrocknen mit großem Handtuch, Haare fönen, mit Duftstoffen einreiben und auf Frau warten. Beim Warten noch die 10 Minuten genießen, die Frau eh immer später kommt. Zu Abend Sashimi genießen und im Bett einen Blog schreiben. Dabei Sapporo-Bier trinken. Das ist Onsen.

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