Über dem Ural: Die letzten Stunden in Tokio verschlafen. Nur sieben Stunden, sind ja spät in unser Hotel gekommen. Ein letztes europäisches Frühstück schnell hinuntergeschlungen. Ein vorläufig letztes mal den Forest Hügel hinunter, der rote Fächerahorn hat seine Blätter jetzt komplett entfaltet. Ein letztes mal die alten Häuser betrachtet, die einen Eindruck vom Tokio vor hundert Jahren geben. Der Stadtteil wird sich wandeln, neue Häuser werden an Stelle der alten errichtet. Werden ein paar der traditionellen Häuser den Wandel überleben? Ein letztes mal hinunter zur Mita-Linie, die Koffer von Hand hinunter tragen. Den Einstieg mit Fahrstuhl bzw. Rolltreppe haben wir nicht gesucht. Geht auch so. Wir wissen, es wird voll. Die Züge rollen im 3- Minutentakt auf den Bahnsteig. Morgens dauert das Ein- und Aussteigen länger als mittags oder spät abends. Die Züge sind hoffnungslos vollgestopft. Dennoch müssen wir vier Personen, vier pralle Rucksäcke und zwei große Koffer in den Zug bekommen. Das ist Platz für 8 Personen. Wir teilen uns auf. Birgit und Ricardo durch eine Tür, Raphael und ich durch eine andere. Der erste Zug fährt ohne uns. Wir müssen warten, bis mehr Leute aussteigen, als wir an Platz brauchen. Die Tokioter, die von der rechten Seite der Tür hineinströmen sind schneller und geschickter als wir. Wir haben noch Skrupel so richtig hart zu schieben. Mit jedem Zug der den Bahnhof ohne uns verlässt werden unsere Skrupel abnehmen. Wir haben eine Deadline, 11:15 Uhr schließen die Türen unseres Fluges, mit uns oder ohne uns. Der zweite Zug verlässt den Bahnhof. Wir verabreden einzeln zu fahren, wenn wir hineinkommen. Der dritte Zug fährt ein. Jetzt oder nie. Wir schieben kräftig mit dem Koffer in den Zug. Raphael ist drin. Der Koffer zur Hälfte. Das Abfahrtssignal ertönt. Ich schiebe mit aller Kraft. Der Koffer ist drin. Nur noch ich selbst. Ich blicke nach links. Birgit und Ricardo haben es geschafft. Ich schiebe und ich bin drin. Halte mich über der Tür fest uns stemme mich gegen den Druck, der mich wieder auf den Bahnsteig drückt. Die Tür schließt. Ich atme durch. Ich nehme Raphael den Rucksack ab und stelle ihn auf meinem der schon auf dem Koffer steht. Jetzt bloß kein Bahnhof mit Bahnsteig in Fahrtrichtung links. Dann muss ich mit allem Gepäck raus. Ich stelle den halben Ausgang zu. Schwein gehabt. Die nächsten 5 Stationen steigen alle in Fahrtrichtung rechts aus. An der Hibiya leert sich der Zug. Wir bekommen bis Mita sogar noch Sitzplätze. In Mita dann in die Asakusa gewechselt und per Express zum Haneda-International. Unsere Blicke gehen hinaus, letzte Eindrücke von Tokio aufsaugen. All die Häuser dicht an den Gleisen, Wäsche hängt auf den Balkonen. Wohnblöcke wechseln sich mit Einfamilienhäusern ab.



Seit gestern wissen wir wie die Wohnungen geschnitten sind: Ein langer Schuhkarton mit einer Tür auf der einen kurzen Seite, daneben die Klimaanlage und ein Balkon auf der anderen Seite. Links und rechts keine Fenster nur bei den Außenwohnungen. Die Zimmergröße wird in Standard-Tatami-Matten gemessen: im Durchschnitt 6 pro Zimmer. Die Wohnblöcke sind bis zu 15 Stockwerke hoch und bis zu 20 Wohnungen breit. Bei neun Millionen Menschen in Tokio direkt (37 Millionen Menschen im Großraum) Zweidritteln der Fläche der Stadt Berlin haben die Menschen nur ein Viertel des Platzes. Zwei drittel der Fläche Japans sind Gebirge, nur 20% ist besiedelt. 80% der Fläche Japans sind Berge. Die 120 Millionen Japaner leben hauptsächlich in den flachen Gebieten an den Küsten. Während der Fahrt merke ich, dass wir zum Glück den richtigen Zug erwischt haben. Nur jeder zweite fährt nach Haneda. Wir sind so ins Spielen auf unseren Handys vertieft, dass wir bis zur Endstation durchfahren. Domestic Terminal. Eine zu weit. Wir wollten International raus. Also eine zurück. Der Rest ist ein Kinderspiel. Einchecken, Suica Karten zurückgeben und unseren treuen Begleiter das WiFi in den Briefkasten. Dann noch durch Security und Immegration.

Die Shopping Meile einmal hoch und runter. Eine Flasche Sake noch. Ein paar Ess-Stäbchen und Schokolade. Einsteigen. Abheben. Die Schokolade Marke ROYCE kann ich nur empfehlen. Vier Stückchen an die Stewardessen gereicht und wir bekommen ein extra Lächeln für den Rest des Fluges. ANA hat auch mehr Beinfreiheit.


Ich kann mit meinem Laptop bequem in der Economy schreiben. Das kenne ich von Lufthansa nicht. Auf 25D schräg vor mir sitzt eine junge Japanerin, die auf Ihrem iPad ein Manga zeichnet. Ich frage nach und sie zeigt mir welche Vorlagen sie verwendet und welche Programme sie benutzt. ProCreate heißt das Zauberwort.
Im Zug nach Freiburg: Wir sind pünktlich in Frankfurt gelandet und auch pünktlich vom Fernbahnhof weggekommen. Nach rund 10.000 Kilometern fangen wir uns doch noch 45 Minuten Verspätung ein, die auch nicht mehr kleiner wird. In Mannheim dürfen wir umsteigen. Heute in geänderter Wagenreihung. Alle Anzugträger einmal von G and A und Familien von A nach G. Deutsche Völkerwanderung auf Bahnsteig 8. In Japan unvorstellbar. In Deutschland wird noch Flexibilität trainiert.
21:00 Uhr Nach etwas mehr als 20 Stunden Reisezeit endlich zu Hause.

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